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„Rote Linie“ verlässt Sarstedt und zieht nach Bonn

Sarstedt. Seit Ende Mai 2013 durchzieht eine etwa 300 m lange, rote Linie die Sarstedter Innenstadt. Diese zeichnet einen Teil des schweren Wegs von Bürgermeister Otto Budschigk nach, der 1933 von den Nazis des Amtes enthoben und aus der Stadt gejagt wurde. Die Sarstedter SPD thematisierte das Schicksal von Budschigk und ihre eigene Geschichte anlässlich des 150. Geburtstags der Partei im letzten Jahr in einer ganzen Reihe von Veranstaltungen hier vor Ort. Die „Rote Linie“ diente dabei jeweils als Plattform. 
Laut Auskunft des Vorsitzenden des SPD-Ortvereins Sarstedt, Jürgen Peper und des Projektbeauftragten und Fraktionsvorsitzenden der Sarstedter SPD, Kalle Esser, war vorgesehen, die Linie maximal bis zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht, also bis etwa Mitte November vorzuhalten. Peper und Esser beauftragten im Namen der SPD daher seinerzeit eine Spezialfirma mit dem Aufbringen einer roten Linie aus selbstverwitternder Farbe. In Weiß werden solche Linien normalerweise dazu verwendet, die Strecke bei überregional bedeutsamen Marathonläufen zu markieren. In Sarstedt steckte der Teufel allerdings im Detail: Die Firma beauftragte einen Subunternehmer, der jedoch am Tag der Ausführung der Arbeiten die rote Farbe in seinem Bremer Betrieb vergaß. Flugs beschaffte er eine Ersatzfarbe in einem örtlichen Baumarkt. Selbstverwitternde Farben sind in diesem Marktsegment allerdings eher unüblich. Die Mischung aus der weißen Spezialfarbe und einer handelsüblichen, roten Abtönfarbe ergab dann zwar den von der SPD gewünschten Farbton, offensichtlich aber eher in „Permanentqualität“. Als sich auch der Winter nicht bereit erklärte, die Farbe mit viel Schnee und Tauwasser aufzuweichen, machte Projektbeauftragter Esser gegenüber dem Auftragnehmer Gewährleistungsansprüche geltend. Dieser fiel, bis dahin nichtsahnend, aus allen Wolken („Das darf nicht wahr sein!“), sicherte aber noch am selben Tag eine spurlose und umgehende Beseitigung der roten Farbe zu. Die „Rote Linie“ verlässt Sarstedt also in Kürze.
Etwa zur selben Zeit wird eine Dokumentation des Projekts bzw. des SPD-Erinnerungsorts „Rote Linie Sarstedt“ (diese Zeitung berichtete) auf den Internet-Seiten der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erscheinen. Die Stiftung gab Esser hierfür am Dienstag grünes Licht. Ab sofort können Texte, Bilder, Audio- und Filmmaterial aus Sarstedt zur Prüfung durch die Bonner Online-Redaktion hochgeladen werden. Damit reiht sich das Sarstedter Projekt dauerhaft in eine Vielzahl sozialdemokratischer Erinnerungsorte ein, darunter auch der Kniefall von Willy Brandt am Denkmal, das an den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943 erinnert.