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Ministerpräsident zu Besuch in der Notunterkunft

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Konkrete Antworten gibt es nicht / Weil bittet um Geduld

Sarstedt (stb). Rund 950 Flüchtlinge leben heute in der Notunterkunft an der Helperder Straße in drei großen Hallen. Rund ein Viertel von ihnen wollte am gestrigen Dienstag, dem 22.12.2015 sehen und hören, was der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil ihnen zu sagen und auf ihre Fragen zu antworten hatte.

Nach vielen anderen Einrichtungen hat Weil nun auch erstmals Sarstedt besucht, angeregt durch eine Anfrage Martina Brinkmanns. Die Ehefrau des SPD-Landtagsabgeordneten Markus Brinkmann, die sich ehrenamtlich im Camp engagiert, hatte ihn spontan eingeladen, die Staatskanzlei gab wenig später grünes Licht für einen Termin. Mit dabei auch Landrat Reiner Wegner, Polizeipräsident Uwe Lührig, JUH-Landesvorstand Thomas Mähnert und JUH-Regionalvorstand Thorsten Müller. Einrichtungsleiter Klaus Bruns begrüßte den Gast, der den haupt- und ehrenamtlich arbeitenden Helfern für ihren engagierten Einsatz dankte und die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung lobte.

Thomas Mähnert, Landesvorstand der Johanniter, unterstich die gute Zusammenarbeit mit der Polizei, Feuerwehr und Kommune. Er hob den besonderen Einsatz der Haupt- und Ehrenamtlichen an den kommenden Festtagen hervor, zu einer Zeit, die die meisten anderen Menschen zu Hause bei der Familie verbrächten. Damit würden die Helfer der eigentlichen Botschaft des Festes tatkräftig entsprechen.

Unter Anteilnahme eines Großaufgebots an Medien besichtigte Weil anschließend in der Unterkunft die Ausgabestelle für die Erstausstattung und die Kleiderkammer, wo er mit Helfern sprach. Ein paar Worte wechselte er mit dem Camp-Änderungsschneider Ahmad Katasch, einem ehrenamtlich helfenden Flüchtling, und auch bei Angelika Gebhardt, die dort die Kleidung sortiert und für Ordnung in den Regalen sorgt, blieb er stehen. Diese berichtete von den beiden Seiten des Themas „Flüchtlinge“. Einerseits mache die schiere Menge der Flüchtlinge auch Angst, andererseits lerne man bei der Arbeit fürchterliche Schicksale kennen und bekomme so einen ganz anderen Blick auf die Menschen. Sie habe privat eine schwere Zeit hinter sich und wolle nun anderen helfen, „etwas zurückgeben“. Die Algermissenerin freut sich über die große Spendenfreude der Bevölkerung: „Ich habe schon mein ganzes Dorf ausgezogen“, formulierte sie es scherzhaft und betonte den besonders guten Zusammenhalt der Mitarbeiter und Helfer in der Kleiderkammer und den anderen Bereichen. „Das ist ein ganz eigenes Völkchen.“

Anschließend warf Weil bei seinem weiteren Rundgang einen Blick auf die Sanitätsstation und in eine der Schlafzellen, die für jeweils acht Personen ausgelegt sind. Camp-Leiter Klaus Bruns informierte über die Angebote in den Bereichen Sport, Freizeit und Bildung, seien es TV-Programme in verschiedenen Sprachen in der Medienhalle oder Sprachkurse. In der Kinder-Halle wurde der Ministerpräsident von Leiterin Daniela Ahrens und einer Schar junger Flüchtlinge singend begrüßt. „Lustig lustig tralla lalla la“ scholl es fröhlich durch den großen Raum. Ahrens, die mit der Gitarre begleitete, weiß um die sprachvermittelnde und integrative Wirkung von Musik. Als Mitbringsel hatte Weil kleine Bälle dabei, die reißenden Absatz fanden.

Im Anschluss suchte der Ministerpräsident das Gespräch mit den Bewohnern. Während die Kameraleute draußen warten mussten, äußerten sich die Flüchtlinge, ein Übersetzer und eine Übersetzerin übersetzten ins Deutsche. Viele äußerten ihren Dank an Deutschland, „als die ganze Welt die Türen zu machte, hat Deutschland sie aufgemacht“, so ein Mann, der aber auch wünschte, die Kinder könnten bald zu Schule gehen, dies und Integration sei sehr wichtig, in der Notunterkunft jedoch schwierig. Ein anderer sprach ebenso den Willen zur Integration an: „Ich bin nicht hier um zu essen und zu schlafen, sondern um zu arbeiten und mich zu integrieren.“ Ein Problem seien auch die Kosten für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Und natürlich die Terminvergabe für die Stellung des Asylantrages, die für viele ein monatelanges Warten bedeute. „In sieben Monaten erst“, klagte ein Mann, dessen Familie noch in Syrien ist, er habe keine Hoffnung mehr.

Währenddessen schüttelten umherlaufende kleine Jungs hingebungsvoll die Hände von Weil, seinen Security-Männern, den Pressevertretern und allen möglichen Helfern der Johanniter.

Weils Antworten auf die Aussagen waren von Anteilnahme geprägt. Für die Flüchtlinge, deren Wunsch zu wissen, wie es weitergeht, er nachvollziehen könne, die er aber nur um Geduld bitten könne, „wenigsten in Sicherheit“, ebenso wie für die Kommunen, für die es nicht leicht sei, Unterkünfte zu schaffen. Weil versuchte sichtlich, Verständnis bei den Bewohnern für die außergewöhnliche Lage, in der sich das Land befinde, zu gewinnen. „Deutschland gibt sich große Mühe, aber wie Sie sehen, klappt noch nicht alles.“ Ursache sei die große Zahl der Flüchtlinge. Dennoch täte ihm die Situation leid. Ab Mitte Januar gehe er davon aus, dass die Flüchtlinge nach und nach auf die Orte im Land verteilt würden, wo aber noch Unterkünfte geschaffen werden müssten.

Viele seiner Ausführungen wurden von Applaus begleitet. Auch die, in der er eindringlich betonte, welche Erwartungen an sie gerichtet seien: „Wir haben die Erwartung, dass alle, die zu uns kommen, die Gesetze und Regeln, die hier gelten, strikt beachten“, auch im zwischenmenschlichen Umgang, wie etwa, dass Männer und Frauen gleiche Rechte hätten und man sich mit Respekt begegne.

„Wir wollen versuchen, dass das nächste Jahr für uns alle besser wird“, versprach er seinem Publikum.

Von Medienvertretern auf die Vorfälle in der Unterkunft in den letzten Wochen angesprochen, sagte Weil: „Man muss sehen, was macht das mit den Menschen, die über Wochen so eng zusammenleben müssen mit anderen Menschen. Was hier stattgefunden hat, darf nicht sein, aber gleichzeitig ist es fast nicht vermeidbar unter den gegebenen Umständen.“ Das Camp sein, trotz der oft nicht optimalen Situation, „besser als offene Obdachlosigkeit.“

Der Gesellschaft, den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Kommunen stellte er als Note „eine glatte Eins“ aus, „ein tolles Engagement“. Das Land käme in seiner Einschätzung deutlich schlechter weg.

Zurzeit leben rund 950 Einwohner in dem ehemaligen Zentrallager in Sarstedt. Für Heiligabend, den 1. Weihnachtstag sowie den 27. Dezember sind bis zu 500 Neuzugänge angekündigt. Die Maximalkapazität der Einrichtung, inklusive Notschlafplätzen für Durchreisende, liegt bei gut 1700 Personen.

Camp-Leiter Klaus Bruns (rechts) informiert den Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil in der Sarstedter Notunterkunft.

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