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Weg in den Job oft schwer

Malermeister Ralf Richard vermittelt dem 26-jährigen Scheich Emad in seinem Betrieb das Handwerkszeug für hochwertige Wandgestaltung.


 

Seit dem Sommer 2015 kamen unzählige Flüchtlinge nach Deutschland. Viele werden bleiben. Auch in Sarstedt sind Männer, Frauen und Kinder bereits dabei, heimisch zu werden. Doch um richtig „anzukommen“, braucht es eine sinnvolle Tätigkeit, einen Job. Das Kleeblatt hat sich zur Lage umgehört.

 

Unterschiedliche Startbedingungen

Nach Auskunft von Elke Pytel-Weber, die sich in Sarstedt um die Flüchtlinge kümmert, suchen sich nicht wenige so bald als möglich einen Job, um auf eigenen Füßen zu stehen: „Einige Pakistani, die schon seit rund drei Jahren in Sarstedt leben, arbeiten in Hannover oder Laatzen in der Gastronomie.“ Andere würden vom Bauhof für gemeinnützige Arbeiten beschäftigt. „Leben strukturieren, Kenntnisse vermitteln, Leben in Deutschland näher bringen“, seien wichtige Aspekte. „Es gibt Studenten, die natürlich wieder studieren und hier einen deutschen Abschluss machen wollen und deshalb schnellstmöglich Kurse belegen, und andere in allen Altersgruppen, bei denen erstmal eine Alphabetisierung nötig ist.“

Spezialisten für spezielle Probleme

Beim Jobcenter Hildesheim wurde im April 2016 eine spezielle Abteilung eingerichtet, die sich ausschließlich mit den Belangen von Flüchtlingen beschäftigt, das Integrationscenter. Seitdem, so Stephanie Tieska, die Leiterin des Sarstedter Jobcenters, werden dort gezielt Kompetenzen gebündelt. „Wir haben seitdem wieder Zeit für unsere anderen Kunden.“ Walter Prigge, Teamleiter des Integrationscenters, betont dessen Einzigartigkeit in Niedersachsen: „In Hildesheim haben wir muttersprachliche Lotsen jederzeit vor Ort, die sich mit dem Prozedere in den Behörden auskennen und die Sprache unserer Kunden sprechen; die alles aus eigener Erfahrung kennen und den Flüchtlingen dadurch auch Vertrauen vermitteln.“ Im Ideal geht es um individuelle Arbeitsmarktstrategien für jeden einzelnen.

Statistik

Im Landkreis Hildesheim leben derzeit rund 1150 anerkannte Flüchtlinge, die durch das Integrationscenter betreut werden. Davon sind 68 % Männer und 32 % Frauen, 75 % sind jünger als 35, davon ein Fünftel jünger als 20 Jahre. Nur 2,5 % sind älter als 65. Dazu gibt es 813 Flüchtlinge, die noch nicht anerkannt sind, jedoch eine Aufenthaltsgestattung oder Duldung haben.

62,6 % kommen aus Syrien, 23,5 % aus dem Irak und 7,3 % aus Eritrea. Der Rest aus aller Herren Länder.

Förderwege

Die Hälfte aller anerkannten Flüchtlinge im Landkreis gilt als Analphabeten. „Die hatten einfach keine Bildungschance“, so Prigge.

Maßnahmen sind deshalb Alphabetisierungs-, Sprach- und Integrationskurse. Durch den sogenannten Berufspsychologischen Service wird in einem standardisierten Test ermittelt, ob eventuelle Schulabschlüsse mit einem hiesigen vergleichbar sind. Als Ziel nennt Prigge „Hauptschulabschluss, Einstiegsqualifizierung durch Praktikum und dann ein Ausbildungsberuf“. Grundsätzlich gelte: „Es ist wie überall: Es gibt solche und solche. In der Regel sind sie sehr engagiert und bemüht, davon können sich einige unserer deutschen Kandidaten eine Scheibe abschneiden. Wir sehen Arbeitsengagement, Bereitschaft zum Lernen und Pünktlichkeit.“ Rund fünf Jahre, so sei die Schätzung, brauche ein neu angekommener Flüchtling vom Beginn des Spracherwerbs bis zum Ausbildungsende.

Ein knappes Dutzend ungefähr werde pro Monat in Jobs vermittelt.


Ausbilder Gino Pinto leitet den 22-jährigen Sudanesen Mutez Jamal Naser und seinen Landsmann Abdul Karim Adam (24) in der Werkstatt an. Zaunlatten für Kindergärten werden derzeit gefertigt. Während Adam, der im Sudan Verkäufer war, hier später gerne auf dem Bau arbeiten würde, möchte Naser auch in Deutschland am liebsten wieder LKWs fahren – wie im Sudan. Beide haben über die THW-Flüchtlingsgruppe Anschluss an Sarstedt gefunden. Ob ihr Asylantrag bewilligt wird, steht in den Sternen.


Ehrenamtliche

Großen Wert legen die Fachleute vom Arbeitsamt auf die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen, die sich unterstützend für Flüchtlinge einsetzen. „Es gibt eine gute Kooperation mit dem Netzwerk Asyl, der Stadt, dem Runden Tisch und den Wohlfahrtsverbänden“, sagt Prigge.

Einstiegshilfe

Seit 1984 ist in Sarstedt die Jugendwerkstatt als Projekt der Jugendhilfe in Trägerschaft der Stadt und führt Maßnahmen für das Jobcenter durch. Sie bietet Beschäftigungsmöglichkeiten, Orientierung und Unterstützung für junge Menschen, die in ihrem Bildungsweg Brüche haben und bereitet sie auf den Arbeitsmarkt vor.

Seit August 2016 nimmt die Jugendwerkstatt Sarstedt auch Flüchtlinge unter ihre Fittiche, Sudanesen, Pakistani und Syrer bisher. „Wir müssen im Hinterkopf haben, dass die Jungs unter Umständen traumatische Erfahrungen mit sich tragen. Darauf müssen wir in unserem Handeln achten“, weiß Einrichtungsleiter und Sozialpädagoge Hans Abraham. In der Tischlerei, die in Sarstedt betrieben wird, lernen die jungen Männer von Tischler Gino Pinto nicht nur, wie man hämmert und sägt. Es gibt erste Deutschstunden, die tatsächlich einen Schwerpunkt bilden für die Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch nicht angeschlossen sind und die deshalb noch keine offiziellen Integrationskurse besuchen können. „Über die handwerklichen Aufträge ins Gespräch zu kommen, steht im Fokus“, so Abraham. Dazu werden wichtige Qualitäten wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geübt.

Als letzte ins Auge fallende Maßnahme hat die Jugendwerkstatt die falsch und wenig attraktiv restaurierte hölzerne Marktfrau wieder zu einer ansehnlichen Figur geschminkt. Auch werden „Trapezbänke“ für die Grundschule in Harsum gefertigt oder der Aufbau von Möbeln für Flüchtlingswohnungen erledigt.

Zufall und Glück

Emad Scheich Sadun (26) ist durch einen glücklichen Zufall bei Malermeister Ralf Richard von „farbgestalt“ gelandet und lernt nun drei Jahre Maler und Lackierer. Die Aufenthaltsgenehmigung wurde gerade verlängert. Seit vier Jahren ist er schon in Deutschland. In Syrien hat der junge Mann Jura studiert. 

Als er seinem Friseur erzählte, das er einen Ausbildungsplatz suche, hat dieser einen seiner Kunden gefragt: Ralf Richard. „Beim Friseur, noch dazu einem arabischen, wird halt viel geklönt unter Männern. Es war einfach Glück“, so der Sarstedter.

Richard hat als Ausbilder „vermeintlich schwierigere Kandidaten“ Erfahrung und ist das Projekt entspannt angegangen. Er hat auch schon einen Sudanesen als Praktikanten, der wegen seiner Sprachbegabung aber lieber als Dolmetscher arbeiten wollte und jetzt Deutsch auf „C1“-Level lernt. „Lässig, offen, gute Laune und das Leben mit einer Leichtigkeit nehmend, da sehe ich den afrikanischen Einfluss. Zu beachten seien für Firmen, die ausbilden wollen, vor allem kulturelle Unterschiede. „Ein Ausbilder braucht Empathie, sich in die Situation des Flüchtlings rein zu fühlen, Wissenshunger, sich damit auseinanderzusetzen, Geduld, Verständnis und Spaß am Kontakt mit Menschen.“ Die Flüchtlinge bräuchten, damit es gelingt, die Firma als „Familienersatz“, Wertschätzung und ein Gefühl von Ankommen, Wohlfühlen und Zugehörigkeit. Auch die Kollegen müssten mitziehen, „sonst geht der Ausländer ein wie eine Primel.“

Das Problem: „Ausbildung ist heute für viele kleine Betriebe nicht mehr leistbar.“ Aber: „Wenn man die Kapazitäten hat und das als Passion sieht, dann profitiert man!“ Eigentlich, so sinniert der Malermeister, wäre eine Fortbildung für Ausbilder gut, in der ein Grundverständnis für Religion, Situation und Bedürfnisse der Flüchtlinge vermittelt würde. Eine Art „interkulturelles Training“, das auch beinhaltet, die anderen Mitarbeiter auf die neue Situation vorzubereiten.

Sadun schätzt die hochwertige Arbeit bei Farbgestalt: „Das ist hier was Besonderes. Und schon zu Hause habe ich die Arbeit der Handwerker bewundert. Jetzt ist es dem Ausbilder wichtig, das sein Azubi weiterlernt, den er gern übernehmen möchte. „Ein weiterer Sprachkurs wäre gut. Sprache ist ganz wichtig. Emad hatte von Anfang an der Blick für Wertarbeit. Fachlich wird er ein brillianter Handwerker und er hat den Intellekt. Und im Handwerk ist natürlich ein Führerschein notwendig.“

Ziele hat der Azubi: „Ohne Ziel wird das Leben nichts! Und ich will das hier richtig machen. Die Ausbildung macht Spaß. Ich bin glücklich hier. Wenn man etwas gut macht, dann gibt es einem auch was Gutes.“ Kontakte sucht er vor allem unter Nicht-Flüchtlingen, weil ihn die Gespräche über Flucht und Zuhause sonst schnell belasten. Seine Familie wohnt in Bissendorf. Er ist nicht allein.


Der Syrer Morhaf Haedar und seine Frau Leila haben in Deutschland gute Perspektiven.


Gut ausgebildet

Gut getroffen haben es auch Morhaf Haedar und seine Frau Leila. Der 28-jährige Syrer aus der Stadt Salamiyya, eine Stadt ungefähr in der Größe Hildesheims, nordöstlich von Homs gelegen, ist vor eineinhalb Jahren nach Deutschland gekommen. In Syrien hat er in Aleppo Maschinenbau studiert, seinen Bachelor gemacht und dann an der Uni als Dozent gearbeitet, um den Master aufzusatteln. Dazu kam es jedoch aufgrund der Bedrohungssituation nicht mehr. Er floh in den Libanon, arbeitete für eine britische Firma, deren Gebiet Generatoren sind. Als sich die rechtlichen Möglichkeiten für Flüchtlinge zu arbeiten änderten, floh Haedar weiter in die Türkei, nutzte dort seine während des Studiums erworbenen Englischkenntnisse und dolmetschte im Tourismusbereich. Der nächste Schritt war der Flug mit einem gekauften Pass nach Deutschland, wo schon ein Bruder lebte. Über Berlin und Friedland kam der junge Syrer nach Sarstedt. Die Verwaltung half ihm bei der Wohnungssuche. Er besuchte Sprach- und Integrationskurse, hat das Sprachzertifikat „B2“. Gefördert wurde er dabei durch ein Stipendium der Otto-Benecke-Stiftung. Den Kontakt zur Stiftung, die sich mit den Themen Integration, Migration und Bildung beschäftigt, kam über die Caritas Hannover, ein Freund hatte ihm von der Fördermöglichkeit erzählt. Dass er nach „B2“ nicht weiter für „C1“, das nächsthöhere Level, gelernt hat, liegt am Hildesheimer Integrationscenter. Hier legte ihm ein Berater eine Anzeige vor, auf die er sich bewarb. „Meine zweite oder dritte Bewerbung überhaupt. Wie man so was schreibt, hatten wir auch in den Integrationskursen an der VHS beigebracht bekommen.“ Nach einigen Gesprächen ist er seit dem 1. November als Ingenieur bei der Sarstedter Fachfirma für Laserstrahl-Materialbearbeitung MeKo angestellt, zurzeit noch in der Probezeit. „Im Gespräch mit den Kollegen verstehe ich noch vieles nicht richtig, wenn die sich unterhalten. Schriftliches geht besser. Ich lese viele Aufträge, um das Fachdeutsch zu lernen. Herr Meyer-Kobbe gibt mir auch viele Bücher, damit ich mich weiterbilden kann.“ 

Inzwischen ist im Rahmen des Familiennachzugs auch Ehefrau Leila in Sarstedt angekommen. Die 26-Jährige, die in Aleppo Pädagogik und Anglistik studiert hat, würde später gerne als Lehrerin arbeiten, wie in Syrien. Deshalb besucht sie fleißig Sprachkurse, kümmert sich um die Anerkennung ihrer Ausbildungsabschlüsse und weiß schon, dass sie, um hier zu unterrichten, noch ein weiteres Fach studieren muss. „In Syrien ist man nur Lehrer für ein Fach. Hier braucht man zwei.“ Die junge Akademikerin möchte nach der Geburt ihres ersten Kindes im Frühsommer nicht unbedingt einfach zu Hause bleiben, sondern lernen und sich weiterbilden.

„Ich hatte viel Glück“, weiß Morhaf Haedar. – Und ein Laptop, das er nie aus der Hand gab, auf dem er alle notwendigen Unterlagen wie auch seinen Lebenslauf und seine Dokumente mit sich trug. Er war gut vorbereitet.

 

 

 

(stb)

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