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Weit weg forschen, für Lösungen ganz nah – Astronaut Thomas Reiter begeistert sein Publikum

Der zehnjährige Milo Landsgesell aus Ruthe ist hartnäckig. Und er weiß, was er will: einen Planetenweg, d.h. ein maßstabsgetreues Modell unseres Sonnensystems, entlang der Innerste, begleitet von Infotafeln, die das Thema aus Kinder-Perspektive betrachten. „Schon seit zwei oder drei Jahren möchte Milo einen eigenen Planetenweg in Ruthe. Wir haben uns die in Göttingen und Bad Salzdetfurth angesehen… Milo ist sehr hartnäckig, wenn er sich was in den Kopf setzt“, berichtet Milos Vater Sven. Mit dieser Einstellung hat Milo schon den Ortsrat in Ruthe davon überzeugt, das Projekt weiter zu verfolgen, nun werden Sponsoren gesucht. Als ausgewiesener Astronomie-Fan lag es für Milo und seine Eltern daher nahe, sich bei passender Gelegenheit mal mit einem zu unterhalten, der dem Weltall mit seinen Planeten schon mal besonders nah gekommen ist.
Am Freitag, dem 5. Juli war Thomas Reiter, der von 1992 bis 2007 ESA-Astronaut und der 8. Deutsche im All war, zu Gast im St. Nicolai-Gemeindesaal an der Eulenstraße, wo er sich auf Bitten von Bürgermeisterin Heike Brennecke auch im „Goldenen Buch“ der Stadt verewigte. Die Sarstedter Stadtbücherei würdigt das 50-jährige Jubiläum der ersten Schritte eines Menschen auf dem Mond am 21. Juli 1969 zurzeit mit einem Thementisch. Durch gute Kontakte von Stadtmanagerin Andrea Satli war es zudem möglich, den ehemaligen Astronauten und heutigen ESA-Koordinator für Internationale Agenturen und Berater des ESA-Generaldirektors Thomas Reiter für einen Vortrag nach Sarstedt zu holen.
Knapp 90 Männer, Frauen und bemerkenswert viele Kinder ließen sich von Reiter bei seinem bebilderten Vortrag mitnehmen in den Weltraum, ins Innere von Sojus-Kapsel und MIR-Station, von Space Shuttle und Internationale Raumstation (ISS). Dabei schaute Reiter nicht nur zurück auf seine persönliche Raumfahrt, Lebensbedingungen, Tagesablauf oder körperliche Beeinträchtigungen, sondern zeigte vor allem auf, wofür Raumfahrt noch heute wichtig und sinnvoll ist: nicht zur Erkundung fremder Welten, um sie sich untertan zu machen und anderen zuvor zu kommen, sondern vor allem, um unter den Bedingungen des Weltraums, in der Schwerelosigkeit, zu forschen.
Als Anwenderbeispiele nannte der Raumfahrer Experimente zur Viskosität von Legierungen, Pflanzenwachstum und medizinischen Fragen, Erdbeobachtungen zur Erforschung von Klimaveränderungen oder für die Landwirtschaft, Telekommunikation und Satellitennavigation, aber auch Projekte zur CO2-Vermeidung und zum Wasserrecycling. „Raumfahrt ist heute aus dem ganz normalen Alltag gar nicht mehr wegzudenken“, sagte er und verwies z.B. auf die Nutzung des Navi im Handy.
In einer kleinen Fragerunde zum Ende des Vortrags war dann für alle Zuschauer Gelegenheit, zu fragen, was man schon immer wissen wollte. Dabei zeigten sich vor allem die Kinder wissbegierig. Sein mulmigstes Gefühl, gibt es Zeitgefühl, welches Essen hat am meisten gefehlt oder worauf hat er sich bei seiner Rückkehr am meisten gefreut, wer steuert eigentlich so eine Raumstation? Auf alles gab es Antworten.
Nach seiner Meinung zu „Urlaub auf dem Mond“ gefragt, antwortet Reiter, der auch der erste Deutsche war, der einen „Spaziergang“ im All machte, zuerst technisch-orientiert, dass das seiner Einschätzung nach noch zwanzig Jahre dauern werde, genauso, wie der erste bemannte Mars-Flug. Doch es gibt noch eine weitere Perspektive: Nicht zuletzt sieht Reiter seine Exkursionen ins All auch unter einem philosophischen Aspekt: „Ich würde wünschen, dass ganz viele Menschen sehen könnten, was ich gesehen habe, in rund 400 Kilometern Höhe mit einer Geschwindigkeit von rund 28.000 Kilometern in der Stunde: die Welt, ganz klein im großen All. Das würde den Blick auf das wirklich Wesentliche lenken. Die Atmosphäre ist so zerbrechlich, hauchdünn. Im Vergleich ist das, wie ein Haar auf einem Fußball…“
Und dann träumt Thomas Reiter noch ein bisschen von Geografie-Unterricht mit Blick von oben, „irgendwann“. Aber die Idee hatte ja auch schon Erich Kästner in seinem „Fliegenden Klassenzimmer“.

Veranstalterin Elke Pytel-Weber konnte den ehemaligen ESA-Astronauten Thomas Reiter nach Sarstedt holen. Stadtmanagerin Andrea Satli, die den Kontakt zu dem Wissenschaftler hergestellt hatte, freute sich ebenso wie Bürgermeisterin Heike Brennecke über die gelungene Veranstaltung.